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Wie hoch ist der Stickstoffüberschuss in Österreich?
Datenstand 2023
Österreichs Landwirtschaft trug 2023 einen Stickstoffüberschuss von 34,1 Kilogramm je Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche. Im Mittel der Jahre 2019 bis 2023 sind es 35,4 kg — gegenüber 43,8 kg im Mittel der Jahre 1985 bis 1989 ein Rückgang um 19,2 Prozent. Die Einzeljahre schwanken zu stark, um sie direkt zu vergleichen: zwischen 22,9 kg (2004) und 51,1 kg (1992 und 2000). Und der Rückgang war nicht durchgehend — 2008 lag das Fünfjahresmittel bei 29,6 kg, also deutlich unter dem heutigen Wert.
Stickstoffüberschuss je Hektar, 1985 bis 2023
Was diese Zahl nicht sagt
Die Bilanz beziffert, wie viel Stickstoff je Hektar übrig bleibt, nicht, wohin er geht, und sie ist ein Landesmittel. Ob der Wert gestiegen oder gesunken ist, hängt am gewählten Startjahr.
Warum hier Mittel verglichen werden und keine einzelnen Jahre
Die Reihe ist lückenlos, 39 Jahre von 1985 bis 2023, und sie ist unruhig. Der höchste Wert der Reihe liegt bei 51,1 kg je Hektar, der niedrigste bei 22,9 kg; zwischen beiden liegen 28,2 kg, also mehr als die Hälfte des höchsten Werts. Diese Spanne ist keine Entwicklung, sondern zum großen Teil Witterung und Erntemenge. Ein trockenes Jahr entzieht der Fläche weniger Stickstoff, weil weniger wächst und weniger geerntet wird — bei nahezu unveränderter Zufuhr steigt der Überschuss. Ein gutes Erntejahr kehrt das um. Der Effekt ist groß genug, um jeden Vergleich zweier einzelner Jahre zu dominieren: 2003 stehen 46,5 kg, ein Jahr später 22,9 kg. Zwischen diesen beiden Jahren hat sich die österreichische Landwirtschaft nicht halbiert.
Daraus folgt die Rechenweise dieser Seite: Verglichen werden Fünfjahresmittel.
Ein Fünfjahresfenster mittelt gute und schlechte Erntejahre gegeneinander weg, ohne die Reihe so weit zu glätten, dass eine echte Richtungsänderung darin verschwindet. Verglichen werden die ersten und die letzten fünf Jahre der Reihe: 43,8 kg gegen 35,4 kg, eine Differenz von 8,4 kg oder 19,2 Prozent.
Dass diese Differenz nicht selbst wieder Rauschen ist, lässt sich prüfen: Der Unterschied der beiden Mittel, 8,4 kg, ist rund 4,5-mal so groß wie sein Standardfehler von 1,9 kg (der Standardfehler gibt an, wie unsicher ein Mittelwert allein wegen der Schwankung der Einzeljahre ist).
Der Einzeljahresvergleich gehört trotzdem dazu: 2023 gegen 1985 allein ergäbe −31,0 Prozent. Das ist die Zahl, die eine Leserin selbst ausrechnen würde, wenn sie die Tabelle öffnet und den ersten mit dem letzten Wert vergleicht. Sie ist kein Fehler, sie hängt nur an zwei Einzeljahren. 1985 war mit 49,4 kg das zweithöchste Jahr der ganzen Reihe nach dem Doppelhöchstwert 1992/2000, 2023 mit 34,1 kg ein unauffälliges Jahr am unteren Rand des letzten Jahrzehnts. Ein Vergleich, der an solchen Endpunkten hängt, ist beweglich: Läge der Anfang bei 1989 statt 1985 — 39,7 kg —, wäre aus dem Rückgang von 31 Prozent einer von gut 14 geworden.
Was die Bilanz rechnet
Der Stickstoffüberschuss ist keine Messung, sondern eine Rechnung. Für jeden Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche wird alles addiert, was an Stickstoff hineingeht, und alles abgezogen, was in Form von Biomasse wieder herausgeht. Was übrig bleibt, ist der Überschuss. Eurostat nennt diese Rechnung Bruttobilanz (Bruttonährstoffbilanz): Sie beziffert den Überschuss, der im System bleibt — nicht, wohin er von dort geht.
| Seite | Posten der Bilanz |
|---|---|
| Zufuhr | Mineraldünger, Wirtschaftsdünger, Saatgut, atmosphärische Deposition, biologische Stickstoffbindung |
| Abfuhr | Ernte, Futter, Ernterückstände |
Zwei Dinge daran sind erklärungsbedürftig. Erstens steht das Futter auf der Abfuhrseite. Was auf der Fläche wächst und als Futter abgeht, verlässt die Bilanz — es zählt wie eine Ernte, weil es dieselbe Rolle spielt. Der Fehler, Futter der Zufuhr zuzuschlagen, liegt nahe: Wer die Bilanz aus dem Kopf nachbaut, macht ihn leicht.
Zweitens ist die biologische Stickstoffbindung eine Zufuhr, obwohl niemand sie ausbringt. Leguminosen (Hülsenfrüchtler wie Klee, Erbsen oder Soja) holen Stickstoff aus der Luft in den Boden; für die Bilanz ist das dasselbe wie eine Düngergabe. Ebenso die Deposition, die aus Verkehr, Industrie und der Landwirtschaft selbst stammt und über die Luft auf die Fläche zurückfällt. Der Überschuss ist damit ausdrücklich nicht gleichbedeutend mit „zu viel gedüngt“.
Wie die Zahlen zu lesen sind
Erstens: Die Bilanz beziffert, was bleibt — nicht, wohin es geht. Sie rechnet je Hektar Zufuhr minus Abfuhr und liefert damit den Rest, der im System verbleibt. Ob dieser Rest ins Grundwasser sickert, als Lachgas oder Ammoniak in die Luft entweicht oder als organische Substanz im Boden gebunden bleibt, steht in dieser Zahl nicht und lässt sich aus ihr auch nicht ableiten. Die drei Wege haben sehr verschiedene Folgen — für Trinkwasser, für das Klima, für die Nährstoffversorgung angrenzender Lebensräume —, und die Bilanz unterscheidet sie nicht. Sie sagt auch nicht, wo der Überschuss anfällt: 35,4 kg je Hektar ist ein Landesmittel über alle landwirtschaftlichen Flächen, nicht der Wert eines einzelnen Betriebs, einer Region oder eines Einzugsgebiets.
Zweitens: Der Rückgang und der Anstieg sind beide richtig. Gegenüber den späten Achtzigerjahren ist der Überschuss um 19,2 Prozent gesunken. Gegenüber dem Tiefstand des gleitenden Mittels 2008 (Durchschnitt über jeweils fünf aufeinanderfolgende Jahre) — 29,6 kg — ist er um 5,8 kg gestiegen. Beide Sätze stehen auf denselben Daten. Welche Aussage man liest, hängt allein am gewählten Startpunkt, und keiner der beiden ist von Natur aus der richtige: 1985 ist der Anfang der verfügbaren Reihe, 2008 ist ein Tiefpunkt, den man erst im Rückblick als solchen erkennt. Deshalb nennt diese Seite beide Bezugspunkte, statt einen zu wählen und den anderen wegzulassen.
Keine Zielmarke. Für den Stickstoffüberschuss je Hektar gibt es keinen verbindlichen Zielwert, an dem sich die Linie messen ließe. Die Nitratrichtlinie regelt Ausbringungsmengen und den Nitratgehalt des Grundwassers, nicht die Bilanz. Die Grafik zeigt deshalb keine Zielmarke — ebenso wie der Pestizidabsatz, wo aus demselben Grund keine Reduktionsmarke im Bild steht.
Der Rückgang hat drei Abschnitte, nicht zwei
Die kräftige Linie im Bild ist das gleitende Fünfjahresmittel. Sie zeigt etwas, das der Vergleich zweier Fenster für sich genommen unterschlägt:
| Fenster | gleitendes Mittel |
|---|---|
| 1985–1989 | 43,8 kg |
| 1990–1994 (Höchststand des Mittels) | 44,4 kg |
| 2004–2008 (Tiefstand des Mittels) | 29,6 kg |
| 2015–2019 (Zwischenhoch) | 40,4 kg |
| 2019–2023 (aktuell) | 35,4 kg |
Der Überschuss fällt also bis 2008 um fast 15 kg unter den Höchststand des Mittels, steigt danach bis 2019 wieder um 10,8 kg an und geht seither ein Stück zurück. Wer nur Anfang und Ende der Reihe ansieht, liest eine stetige Verbesserung, die es so nicht gab. „Seither steigt er wieder“ wäre aber genauso unvollständig, denn seit 2019 sinkt das Mittel erneut.
Warum das Mittel nach 2008 wieder gestiegen ist, sagen diese Daten nicht. Der Datensatz liefert Bilanzwerte, keine Ursachen; jede Erklärung — Düngerpreise, Tierbestände, Erntejahre in Folge — wäre an dieser Stelle unbelegt.
Verwandte Auswertungen
- Pestizidabsatzdieselbe Landwirtschaft, andere Bilanzstelle: 2011 bis 2024 ein Anstieg um 51,7 Prozent, bei den anorganischen Fungiziden um 81,5 Prozent. Die beiden Reihen zeigen in verschiedene Richtungen; eine Aussage über „die Intensität“ trägt keine von beiden allein.
- Grünland gegen Waldein Teil der Fläche, auf die sich der Überschuss bezieht: Wiesen und Weiden −7,3 Prozent zwischen 2009 und 2022, Wald +6,7 Prozent. Wer den Überschuss je Hektar liest, liest ihn auf einer Fläche, die selbst in Bewegung ist.
- Biolandwirtschaftdie Bewirtschaftungsform, unter der Österreich europäisch an der Spitze liegt. Ein Zusammenhang zur Stickstoffbilanz liegt nahe, ist aber mit den hier vorliegenden Daten nicht belegt und wird deshalb nicht behauptet.
Woher die Daten kommen
Eurostat aei_pr_gnb, Bruttonährstoffbilanz, Stickstoff, Bilanz je Hektar für Österreich. Einheit: Kilogramm Stickstoff je Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche. 39 Jahreswerte, lückenlos 1985 bis 2023, abgerufen am 9. September 2026. Eurostat führt die Tabelle mit Stand 14. September 2026 (API-Feld updated, abgerufen am 7. Oktober 2026); alle 39 Jahreswerte sind gegenüber dem Abruf vom 9. September unverändert. DOI 10.2908/AEI_PR_GNB.
Derselbe Datensatz enthält auch Zufuhr, Abfuhr, die absolute Bilanz, jeden Einzelposten bis hinunter zum Saatgut und die Phosphorbilanz (Dimension indic_ag mit 40 Positionen, Dimension nutrient mit N und P; API-Abruf 7. Oktober 2026); gezeigt wird hier nur die Stickstoffbilanz je Hektar (BAL_UAA). Eine unbedacht entnommene Zahl aus demselben Datensatz kann deshalb etwas ganz anderes bedeuten als die hier gezeigte.
Eurostat revidiert die Reihe gelegentlich rückwirkend; mit dem Datenstand können sich einzelne Werte ändern.
Weiterverwendung: Nach den Eurostat-Nutzungsbedingungen frei, sofern Eurostat als Quelle genannt wird und Änderungen an den Daten kenntlich gemacht werden. Die Fünfjahresmittel, der Rückgang in Prozent und die gleitenden Werte dieser Seite sind gerechnet, nicht abgelesen.
Zitieren und einbetten
Biodiversitätsmonitor Österreich (2026): Stickstoffüberschuss der Landwirtschaft. biodiversitaet-monitor.at/stickstoffueberschuss/ · Daten: Eurostat aei_pr_gnb, DOI 10.2908/AEI_PR_GNB · Datenstand 2023
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Häufige Fragen
Was ist ein Stickstoffüberschuss?
Der Überschuss ist die Differenz zwischen dem Stickstoff, der auf einen Hektar landwirtschaftlicher Fläche gelangt, und dem, der als Biomasse wieder abgeht. Auf der Zufuhrseite stehen Mineraldünger, Wirtschaftsdünger, Saatgut, atmosphärische Deposition und biologische Stickstoffbindung; auf der Abfuhrseite Ernte, Futter und Ernterückstände. Was übrig bleibt, ist der Überschuss — jener Teil, der im System verbleibt. Wohin er von dort geht, ins Grundwasser, in die Luft oder in den Boden, sagt die Bilanz nicht.
Wie hoch ist der Stickstoffüberschuss in Österreich?
2023 waren es 34,1 Kilogramm je Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche. Weil einzelne Jahre stark schwanken, vergleicht diese Seite Fünfjahresmittel: 35,4 kg im Mittel der Jahre 2019 bis 2023. Der Wert stammt aus der Bruttonährstoffbilanz von Eurostat und liegt für alle 39 verfügbaren Jahre vor, von 1985 bis 2023.
Ist der Überschuss gestiegen oder gesunken?
Beides — es hängt am Startpunkt. Gegenüber dem Mittel der Jahre 1985 bis 1989 (43,8 kg) ist er um 19,2 Prozent gesunken. Gegenüber dem Tiefstand des gleitenden Mittels im Jahr 2008 (29,6 kg) ist er um 5,8 Kilogramm gestiegen. Der Verlauf hat drei Abschnitte: fallend bis 2008, steigend bis 2019 auf 40,4 kg, seither wieder rückläufig auf 35,4 kg. Anfang und Ende allein gegeneinander gehalten, sähe das wie eine durchgehende Verbesserung aus — das war es nicht.
Warum vergleicht diese Seite Fünfjahresmittel und nicht einzelne Jahre?
Weil die Jahreswerte witterungs- und erntebedingt zwischen 22,9 kg (2004) und 51,1 kg (1992 und 2000) schwanken und ein Vergleich zweier einzelner Jahre diese Schwankung als Entwicklung ausgäbe. 2023 gegen 1985 gerechnet ergäbe ein Minus von 31,0 Prozent statt 19,2 Prozent — dieselbe Reihe, ein anderer Bezug. Der Unterschied der beiden Fünfjahresmittel ist rund 4,5-mal so groß wie sein Standardfehler, also kein Zufall der Witterung.