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Biodiversitätsmonitor › Arten

Wie aktuell sind die Roten Listen in Österreich?

Datenstand Übersicht Oktober 2025, Abruf 24. August 2026, Bezugsjahr 2026

Das Umweltbundesamt führt für Österreich 27 Tiergruppen in seiner Übersicht über den Stand der Roten Listen. Für vier davon gibt es überhaupt keine Rote Liste. Von den 23 übrigen liegen nur drei noch innerhalb des Zeitraums, in dem die Behörde selbst eine Neuauflage vorsieht — Wanzen, Ameisen und Hummeln, alle drei aus dem Jahr 2024. Die 20 anderen sind über ihr eigenes Soll hinaus. Die älteste ist die Rote Liste der Käfer von 1994, also 32 Jahre alt.

Wie alt das Wissen über gefährdete Arten ist

Was diese Zahl nicht sagt

Der Balken misst, wie alt das Wissen ist, nicht wie gefährdet eine Gruppe ist. Ein langer Balken heißt: lange nicht neu eingestuft; bei elf Gruppen ist eine Neuauflage in Arbeit. Vier Gruppen fehlen ganz — ohne Rote Liste haben sie kein Alter und keinen Balken. Als Rangliste der Gefährdung gelesen, ist die Grafik in beide Richtungen falsch.

Eine Grafik über das Wissen, nicht über die Natur

Alle anderen Auswertungen dieser Website messen einen Gegenstand: eine Fläche, einen Bestand, einen Zustand. Diese misst eine Jahreszahl. Sie sagt nichts darüber, wie viele Käfer es in Österreich gibt oder wie viele Arten davon gefährdet sind — sie sagt, dass die letzte Antwort auf diese Frage aus dem Jahr 1994 stammt. Der Gegenstand der Grafik ist der Kenntnisstand, nicht die Natur.

Das klingt nach einer Verlegenheit und ist das Gegenteil. Eine Rote Liste ist in Österreich die einzige systematische, fachlich abgestimmte Gesamtschau über die Gefährdung einer Artengruppe. Solange sie fehlt oder veraltet ist, gibt es für diese Gruppe keine belastbare Aussage darüber, wie viele ihrer Arten verschwinden — und zwar unabhängig davon, wie viel Beobachtungsmaterial sonst vorliegt. Der Rückstand ist damit keine Verwaltungspanne am Rand des Themas, sondern die Bedingung, unter der jede andere Zahl über gefährdete Arten gelesen werden muss.

Die Zweiteilung des Balkens zeigt dreierlei gleichzeitig: wie alt eine Liste ist, wie alt sie sein dürfte und wie weit sie darüber hinaus ist. Die Fische, deren Liste von 2007 stammt und alle sechs Jahre neu aufgelegt werden soll, und die Zikaden, deren Liste ebenfalls von 2007 stammt und alle zwölf Jahre fällig wäre, sind beide neunzehn Jahre alt — der Rückstand beträgt aber dreizehn beziehungsweise sieben Jahre.

Was die Grafik zeigt: wie viele Jahre seit der letzten Gefährdungseinstufung je Tiergruppe vergangen sind und wie weit das über dem liegt, was die Fachbehörde selbst vorsieht. Was sie nicht zeigt: was in diesen Listen steht. Für die Lebensraumtypen steht das auf der Seite zur Roten Liste der Biotoptypen, für die Waldpflanzen auf der Seite zu den Roten Listen der Waldarten.

Der helle und der dunkle Teil

Der helle Teil ist das Soll — der Zeitraum, in dem die Behörde selbst eine Neuauflage vorsieht —, der dunkle der Überzug, also die Jahre darüber hinaus. Die Länge des hellen Teils ist nicht überall gleich, weil die Quelle je Gruppe einen eigenen Aktualisierungszeitraum nennt: sechs Jahre für acht Gruppen, zwölf Jahre für die übrigen neunzehn. Der Balken der Vögel hat deshalb einen kurzen hellen und einen kurzen dunklen Teil, der Balken der Käfer einen doppelt so langen hellen und einen zwanzig Jahre langen dunklen.

Rechnet man beide Teilgruppen getrennt, ergibt sich ein Bild, das die Gesamtzahl verdeckt. Von den fünfzehn Gruppen mit Zwölfjahres-Zeitraum und vorhandener Liste sind drei im Soll. Von den acht Gruppen mit dem strengeren Sechsjahres-Zeitraum — ausgerechnet dort, wo die Behörde selbst den kürzeren Abstand für nötig hält — ist keine einzige. Die drei aktuellen Listen stammen alle aus demselben Jahr 2024 und alle aus derselben Kategorie der wirbellosen Tiere mit dem längeren Zeitraum.

Addiert man die Überzugsjahre aller zwanzig überzogenen Gruppen, kommen 203 Jahre zusammen. Diese Summe beschreibt die Größenordnung des Rückstands besser als jede einzelne Gruppe: Der Fehlbestand ist nicht ein Ausreißer, sondern eine gleichmäßig über die Tabelle verteilte Verspätung. Der Median der 23 Listen liegt bei 19 Jahren (bei den 20 überzogenen bei 19,5 Jahren), und 19 der 23 Listen sind vor 2010 erschienen.

Eine alte Liste heißt nicht, dass es der Gruppe schlecht geht

Eine alte Liste heißt, dass die Gefährdung lange nicht neu eingestuft wurde — das Käfer-Beispiel oben zeigt es. Umgekehrt gilt dasselbe: Eine junge Liste ist kein Hinweis darauf, dass die Lage gut wäre. Die drei aktuellen Listen von 2024 stehen an der Spitze der Grafik, weil sie neu sind, nicht weil Wanzen, Ameisen und Hummeln weniger gefährdet wären als die übrigen.

Vier Gruppen fehlen im Diagramm

Für Wildbienen, Regenwürmer, Blatthornkäfer und Spinnen gibt es überhaupt keine Rote Liste, auch keine veraltete. Sie haben deshalb kein Alter und können keinen Balken haben. Ein Balken der Länge null läse sich als „gerade erst aktualisiert“ — das genaue Gegenteil. Sie stehen deshalb nicht im Diagramm und sind der härtere Teil des Befunds: Bei den 23 anderen Gruppen ist das Wissen alt, bei diesen vieren existiert es in dieser Form gar nicht. Für drei von ihnen führt die Quelle den Status „in Arbeit“, für die Spinnen „überfällig“.

Der Balken misst Erscheinungsjahre, nicht Erhebungsjahre

Eine Rote Liste erscheint nach der Erhebung, und die Quelle nennt nur das Jahr der Einstufung. Wie lange die zugrunde liegenden Felddaten zu diesem Zeitpunkt bereits alt waren, geht aus der Übersicht nicht hervor. Das tatsächliche Alter des Wissens ist damit eher größer als der Balken, nicht kleiner.

„In Arbeit“ und „überfällig“ sind keine Altersangaben

Die Quelle führt neben Jahr und Soll-Zeitraum eine dritte Spalte: den Status. Er hat drei Ausprägungen, und die Verteilung ist: „aktuell“ 3, „in Arbeit“ 11, „überfällig“ 13. Diese Spalte ist eine Einstufung des Umweltbundesamtes, keine Rechnung dieser Seite — und sie folgt gerade nicht dem Alter.

Der deutlichste Fall ist das Paar Vögel und Tagfalter. Die Rote Liste der Vögel stammt von 2017, ist neun Jahre alt und reißt ihr Sechsjahres-Soll um drei Jahre. Sie trägt den Status überfällig. Die Rote Liste der Tagfalter stammt von 2005, ist einundzwanzig Jahre alt und reißt dasselbe Sechsjahres-Soll um fünfzehn Jahre. Sie trägt den Status in Arbeit. Dieselbe Anforderung, ein fünffacher Unterschied im Rückstand — und die jüngere der beiden Listen ist die schlechter eingestufte.

Die naheliegende Lesart: „In Arbeit“ beschreibt nicht den Rückstand, sondern das Verfahren. Es sagt, dass eine Neuauflage läuft, nicht, dass sie bald fertig ist. „Überfällig“ wäre dann die Gruppe, für die überhaupt nichts läuft. Damit wäre der Status die eigentlich interessante Spalte — er trennt den Rückstand, der aufgearbeitet wird, von dem, der liegen bleibt. Belegt ist diese Lesart nicht. Die Quelle definiert ihre Statusbegriffe in der Übersicht nicht, und ohne diese Definition bleibt die Beobachtung eine Beobachtung. Sie steht deshalb hier als offene Lesart, nicht als Befund.

Für alle elf Gruppen „in Arbeit“ nennt die Übersicht zusätzlich einen Beginn und ein geplantes Ende der Aktualisierung, für die dreizehn überfälligen nicht. Das geplante Ende ist bei zehn Gruppen 2026, bei den Wildbienen 2027 (Stand der Übersicht: Oktober 2025). Treffen diese Termine ein, ändert sich die Grafik bis Ende 2027 bei elf der 27 Gruppen.

Warum es keine Zeitreihe gibt

Diese Seite hat keinen Verlauf. Der Grund ist die Bauart der Kennzahl: Das Alter jeder Liste wächst jedes Jahr um eins, solange keine Neuauflage erscheint. Eine Kurve über die Jahre zeigte deshalb im Wesentlichen die diagonale Linie der Zeit selbst, unterbrochen von drei Sprüngen nach unten, wenn 2024 die Listen für Wanzen, Ameisen und Hummeln erschienen. Das wäre eine Grafik über den Kalender, nicht über Österreich.

Was es stattdessen gibt, ist ein Gegenbeleg aus derselben Quellfamilie: Die Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen wurde 2022 neu aufgelegt. Sie zählt in dieser Grafik nicht mit, weil sie nicht in der Tiergruppentabelle steht — sie belegt aber, dass Neuauflagen möglich sind und stattfinden. Der Rückstand bei den Tiergruppen ist also kein grundsätzliches Unvermögen, sondern eine Frage der Reihenfolge und der Mittel.

Verwandte Auswertungen

  • Rote Liste der Biotoptypendieselbe Behörde, dieselbe Bauform der Quelle, aber der Inhalt statt des Alters: 284 von 383 bewerteten Lebensraumtypen stehen in einer Gefährdungsstufe, 74,2 Prozent. Auch diese Liste ist alt — die Teilbände erschienen zwischen 2002 und 2008. Diese Seite zählt Jahre, jene zählt Stufen.
  • Waldpflanzen im Vergleich dreier Listenwas passiert, wenn eine Gruppe dreimal eingestuft wird: 1986, 1999 und 2022. Bei den Gefäßpflanzen steigt die Zahl der gefährdeten Taxa (Arten und andere Einheiten der Systematik) von 200 über 253 auf 286, bei Moosen und Farnen steht sie 1986 wie 2022 bei 96 (1999: 97). Das ist der Beleg, warum die 20 fehlenden Neuauflagen zählen: Erst die zweite Liste zeigt eine Bewegung.
  • Feld- und Wiesenvögelder Gegenfall. Für die Vögel gibt es ein jährlich fortgeschriebenes Monitoring, aber die Rote Liste stammt von 2017. Laufende Beobachtung und amtliche Gefährdungseinstufung sind zweierlei; diese Seite misst die zweite.
  • Wiesenfalterderselbe Gegensatz, schärfer: Der Index reicht bis in die Gegenwart, die Rote Liste der Tagfalter stammt von 2005.

Woher die Daten kommen

Umweltbundesamt, Übersichtstabelle „Übersicht über den Stand der Aktualisierung der Roten Listen“, Stand Oktober 2025, abgerufen am 24. August 2026. Sie steht auf umweltbundesamt.at/umweltthemen/naturschutz/rotelisten/rote-listen-gefaehrdeter-tierarten.

Die 27 Zeilen der Übersicht sind abgeschrieben; gerechnet sind daraus nur das Alter (Bezugsjahr 2026 minus Erscheinungsjahr) und der Überzug (Alter minus Soll-Zeitraum). Die Tabelle trägt die Spalten „Letzte Einstufung“, „Aktualisierungszeitraum“, „Status“ und „Update Start / Update Ende“.

Weiterverwendung: Eine offene Lizenz ist nicht angegeben. Das Impressum des Umweltbundesamts lässt „Nachdrucke mit Quellenangaben zu nicht kommerziellen Zwecken“ zu (Impressum, Abschnitt Nutzungsgenehmigungen). Die Zahlen sind mit Quellenangabe zitiert; eine Weiterverwendung darüber hinaus ist beim Umweltbundesamt zu klären.

Nächste Aktualisierung: Für die elf Listen „in Arbeit“ nennt die Übersicht ein geplantes Ende der Bearbeitung (zehn 2026, Wildbienen 2027), für die dreizehn überfälligen keinen Termin. Anders als bei den Meldezyklen der EU-Richtlinien gibt es für die Übersicht selbst keinen Termin, gegen den man rechnen könnte.

Zitieren und einbetten

Biodiversitätsmonitor Österreich (2026): Wie alt das Wissen über gefährdete Arten ist. biodiversitaet-monitor.at/rote-listen/ · Daten: Umweltbundesamt, Übersicht über den Stand der Aktualisierung der Roten Listen, Oktober 2025 · Datenstand Übersicht Oktober 2025, Bezugsjahr 2026

Die Zahlen dieser Seite als Datei: rotelisten.json

Häufige Fragen

Was ist eine Rote Liste?

Ein Verzeichnis, in dem die Arten einer Gruppe nach dem Grad ihrer Gefährdung eingestuft werden — von „nicht gefährdet“ bis „ausgestorben“. Für Österreich ist sie die einzige systematische Gesamtschau dieser Art je Tiergruppe. Die Einstufung ist keine laufende Messung, sondern eine Auswertung zu einem Stichzeitpunkt; deshalb hat jede Rote Liste ein Erscheinungsjahr und altert.

Wer erstellt die Roten Listen in Österreich?

Aus der hier ausgewerteten Übersichtstabelle geht das nur zum Teil hervor: Die Übersicht über den Stand der Roten Listen führt das Umweltbundesamt; sie ist auch die Quelle dieser Seite. Dieselbe Stelle veröffentlicht die Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen. Wer die einzelnen Bände fachlich verfasst und wie das Verfahren im Einzelnen abläuft, steht dort nicht.

Wie viele Rote Listen sind in Österreich aktuell?

Drei von 27 Tiergruppen — Wanzen, Ameisen und Hummeln, alle drei aus dem Jahr 2024. Bei vier weiteren Gruppen gibt es überhaupt keine Rote Liste. Die übrigen 20 liegen über dem Zeitraum, in dem das Umweltbundesamt selbst eine Neuauflage vorsieht; der Median ihres Alters liegt bei 19,5 Jahren.

Welche Rote Liste ist die älteste?

Die der Käfer aus dem Jahr 1994, gerechnet auf das Bezugsjahr 2026 also 32 Jahre alt. Vorgesehen wäre eine Neuauflage alle zwölf Jahre, der Rückstand beträgt damit 20 Jahre. Am zweitältesten sind die Urzeitkrebse mit einer Einstufung von 2002.