Wie stark sind die Wiesenfalter in Europa zurückgegangen?
Datenstand 2024
Der Grünland-Schmetterlingsindex der EU-Statistikbehörde Eurostat fasst die Bestandstrends von 17 Falterarten zusammen, gezählt auf festen Strecken, heute in allen 27 EU-Mitgliedstaaten. 1991 steht er bei 100. 2024 steht er bei 52,65 — ein Rückgang um 47,4 Punkte oder fast die Hälfte in 33 Jahren. Es ist eine europäische Zahl, keine österreichische: Für Österreich allein gibt es für diesen Zeitraum keine Reihe. Und es ist eine geglättete Zahl, weil einzelne Jahre stark vom Wetter abhängen.
Wiesenfalter in Europa, 1991 = 100
Was diese Zahl nicht sagt
Die Linie ist ein europäischer Wert, kein österreichischer, und sie ist geglättet: Einzelne Jahre sind Rechenwerte, keine Zählungen. Sie misst, wie häufig 17 Falterarten im Mittel sind, nicht, wie viele Arten es gibt. Ursachen nennt sie keine — Grünlandverlust, Düngung, Pflanzenschutzmittel oder Klima sind aus diesen Daten nicht ableitbar.
Warum diese Linie nicht Österreich zeigt
Die Frage, die Menschen stellen, lautet: Wie viele Schmetterlinge gibt es bei uns noch? Die Antwort dieser Seite lautet: Für Europa insgesamt liegt der Index bei fast der Hälfte des Werts von 1991, und für Österreich allein lässt sich das aus diesen Daten nicht sagen. Das ist keine Bescheidenheit und kein Formfehler, sondern der Zustand der Datenlage. Der Grünland-Schmetterlingsindex wird als EU-Aggregat gerechnet und auch nur so veröffentlicht. In der Eurostat-Tabelle gibt es nur ein Gebiet, das europäische Aggregat; ein Abruf für Österreich liefert keinen Wert, und es gibt auch keine Nebentabelle, aus der man ihn herausrechnen könnte. Der Index ist ein Gesamtwert, kein Baukasten mit Länderfächern.
Österreich zählt sehr wohl mit. Das Projekt Viel-Falter der Universität Innsbruck ist der österreichische Partner des europäischen Schmetterlingsmonitorings (eBMS) und erhebt seit 2023 österreichweit; die Standortzahl liegt je nach Quelle bei rund 400 (Projektstart 2023) bis 480 (Projektseite 2026). Für die Frage dieser Seite hilft das noch nicht: Eine Reihe, die vor wenigen Jahren beginnt, kann keinen Verlauf ab 1991 tragen. Ein Rückgang über drei Jahrzehnte lässt sich nicht aus drei Jahren ableiten, und ein kurzer Ausschnitt aus einer schwankenden Reihe sagt weniger als gar nichts — er sagt etwas Falsches mit scheinbarer Genauigkeit. Die österreichische Zahl kommt also, aber sie kommt nicht 2026, und sie wird auch dann nicht rückwirkend gelten.
Was bleibt, ist eine belastbare europäische Aussage und eine ehrlich benannte Lücke.
Was die Glättung bedeutet — und was sie verbirgt
Eurostat liefert den Index in zwei Fassungen: ungeglättet und geglättet. Die Grafik zeigt die geglättete.
Der Grund liegt im Tier. Ein Falterjahr ist ein Wetterjahr. Ein kalter, nasser Frühling drückt den Schlupf, ein warmer Sommer hebt ihn, ein Spätfrost kann eine Generation kosten — und das alles wirkt sich auf die gezählten Individuen sofort und stark aus, ohne dass sich am Zustand der Bestände über Jahre etwas geändert hätte. In der ungeglätteten Reihe schlägt das voll durch: Sie steht 2002 bei 103,6 und 2024 bei 44,3, mit Ausschlägen von bis zu knapp vierzig Punkten binnen eines Jahres. Als Linie in der Grafik erzählt sie Wetter, nicht Bestand.
Die geglättete Reihe rechnet diese Ausschläge heraus. Sie beantwortet nicht die Frage „wie viele Falter flogen 1997“, sondern die Frage „in welche Richtung und wie schnell hat sich der Bestand bewegt“. Genau das ist die Frage, um die es hier geht.
Was die Glättung verbirgt, muss man aber genauso deutlich sagen. Erstens: Jeder einzelne Jahreswert dieser Kurve ist kein Messwert, sondern ein Rechenwert. Wer 2013 mit 67,39 zitiert, zitiert keine Zählung von 2013, sondern eine Größe, in die die Nachbarjahre eingehen. Einzelne Jahre aus dieser Reihe als Zählergebnis zu zitieren oder als Rekordjahr zu melden, ist unzulässig — dafür ist sie nicht gebaut. Zweitens: Die Glättung erzeugt die Gleichmäßigkeit, die man sieht. Die geglättete Reihe fällt in allen 33 Jahresschritten, ohne eine einzige Ausnahme; die ungeglättete tut das ganz sicher nicht, wie der Vergleich 2002 gegen 2024 zeigt. Wer aus der glatten Kurve liest, der Rückgang sei stetig und unaufhaltsam gewesen, liest eine Eigenschaft des Rechenverfahrens als Eigenschaft der Natur. Drittens: Gute Jahre verschwinden. Es hat in den 34 Jahreswerten der Reihe mit Sicherheit Jahre gegeben, in denen mehr Falter flogen als im Jahr davor. In dieser Linie sieht man sie nicht. Die Linie sagt nicht, dass es keine guten Jahre gab — sie sagt, dass die guten Jahre den Trend nicht gedreht haben.
Was übrig bleibt, ist trotzdem die stärkere Aussage: Eine Richtung, die über drei Jahrzehnte hält, ist mehr wert als jeder Einzelwert.
Häufigkeit, nicht Artenzahl
Der Index misst, wie viele Falter fliegen, nicht, wie viele Arten es gibt. Er integriert die Bestandstrends von 17 Arten zu einem Mittelwert; verschwindet keine einzige dieser Arten und werden von jeder nur halb so viele gezählt, fällt der Index auf 50. Der Rückgang um 47,4 Punkte bedeutet also nicht, dass fast die Hälfte der Arten weg ist. Er bedeutet, dass die Häufigkeit derselben Arten im Mittel bei rund der Hälfte des Ausgangswerts liegt.
Das ist genau dieselbe Größe, die der österreichische Vogelindikator misst, und dieselbe Verwechslung droht dort. Auch dieser Index der Feld- und Wiesenvögel (Farmland Bird Index) zählt Bestände, nicht Arten. Wer beide Indikatoren nebeneinander liest, liest zwei Häufigkeitsmaße — und keine Aussage darüber, wie viele Arten ausgestorben sind. Diese Frage beantwortet ein anderer Datensatz, und für Österreich beantwortet ihn die Seite zum Stand der Roten Listen, allerdings mit dem eigenen Vorbehalt, dass das Wissen dort zum Teil Jahrzehnte alt ist.
Umgekehrt hat das Häufigkeitsmaß einen Vorzug, den die Artenzahl nicht hat: Es reagiert früher. Eine Art gilt erst als verschwunden, wenn sie verschwunden ist; ihre Häufigkeit sinkt lange vorher. Ein Index, der auf 52,65 gefallen ist, beschreibt sinkende Häufigkeit, nicht das Verschwinden von Arten.
Wie der Rückgang verlief
Auch wenn man einzelne Jahre nicht herausgreifen darf: Über längere Abschnitte hinweg lässt sich die Kurve lesen, und sie ist nicht überall gleich steil.
| Abschnitt | Index von → bis | Veränderung (Punkte) | je Jahr (Punkte) |
|---|---|---|---|
| 1991–2008 | 100,00 → 69,18 | −30,82 | −1,81 |
| 2008–2015 | 69,18 → 66,56 | −2,62 | −0,37 |
| 2015–2024 | 66,56 → 52,65 | −13,91 | −1,55 |
In der Mitte der Reihe liegt eine flache Strecke. Zwischen 2008 und 2015 verliert der Index in sieben Jahren weniger, als er in den steilen Phasen in zwei Jahren verliert. Danach kippt die Kurve wieder, und die letzten neun Jahre sind fast so steil wie die ersten siebzehn.
Diese Beobachtung steht unter dem Vorbehalt aus „Was die Glättung bedeutet — und was sie verbirgt“, und der wiegt hier schwer. Eine flache Strecke in einer geglätteten Reihe ist nicht dasselbe wie eine Pause im Rückgang. Sie kann eine sein — sie kann aber auch dadurch entstehen, dass sich Ausschläge in den Nachbarjahren gegenseitig aufheben. Aus der geglätteten Reihe ist das nicht zu unterscheiden. Was sich sagen lässt: Der Rückgang hat sich zuletzt nicht verlangsamt. Was sich nicht sagen lässt: warum er in der Mitte flacher war.
Ebenso wenig lässt sich sagen, woran der Rückgang liegt. Die Eurostat-Reihe enthält keine Ursachenzuschreibung. Alle naheliegenden Erklärungen — Grünlandverlust, Düngung, Pflanzenschutzmittel, Klima — sind aus diesen Daten nicht ableitbar, so plausibel sie sein mögen.
Halbiert ist der Bestand nicht
„Fast die Hälfte“ ist gerechnet, nicht formuliert: Kein Jahr der geglätteten Reihe liegt bei 50 oder darunter, 2024 steht sie bei 52,65. Der ungeglättete Einzelwert 2024 (44,3) schwankt mit dem Wetter und gilt deshalb nicht als Maß. Die Grafik zeigt darum keine Halbierungsmarke: Eine Linie bei 50 ohne Schnittpunkt würde eine Schwelle behaupten, die noch nicht erreicht ist.
„Halbiert“ wäre falsch, „fast die Hälfte“ ist richtig, und die Schwelle liegt 2,65 Punkte entfernt. Setzt sich das Tempo der letzten neun Jahre fort, wäre sie in wenigen Jahren erreicht — eine solche Fortschreibung wäre aber eine Prognose, und die Daten geben keine her.
Verwandte Auswertungen
- Feld- und Wiesenvögeldieselbe Bauform, dieselbe Größe, anderer Bezugsraum: ein Häufigkeitsindex über eine lange Reihe, aber für Österreich und für Vögel. Er steht 2025 bei 53,3 — zufällig fast derselbe Wert wie der Falterindex, aus einer anderen Erhebung, mit einem anderen Basisjahr und nicht mit ihm verrechenbar.
- Biber und Fischotterdie Gegenrichtung im selben Bereich: zwei Arten, deren Bestände in Österreich zugenommen haben. Rückgang ist kein Naturgesetz.
- Wiesen und Weidender Lebensraum, nach dem der Index benannt ist. Er schrumpft in Österreich um 7,3 Prozent zwischen 2009 und 2022. Ein Zusammenhang mit dieser Kurve liegt nahe, ist aus den beiden Datensätzen aber nicht belegbar — europäische gegen österreichische Reihe, unterschiedliche Zeiträume. Die beiden Seiten stehen nebeneinander; die eine folgt nicht aus der anderen.
Woher die Daten kommen
Eurostat sdg_15_61 — Grünland-Schmetterlingsindex; verwendet wird die geglättete Fassung mit der Basis 1991 = 100, laut Metadaten des Datensatzes (Eurostat-ESMS zu sdg_15_61, Stand 30. April 2026: ec.europa.eu/eurostat/cache/metadata/en/sdg_15_61_esmsip2.htm) gerechnet aus Erhebungen in 27 Mitgliedstaaten. Die Werte selbst stammen von Butterfly Conservation Europe und dem European Butterfly Monitoring Scheme (eBMS, mit dem EU-Projekt EMBRACE); die Europäische Umweltagentur führt einen eigenen, älteren Grünland-Schmetterlingsindikator (1991–2018, 17 Länder; Indikator „Abundance and distribution of selected species in Europe“, Stand November 2021), der nicht Grundlage dieser Reihe ist. Technischer Bericht: EU Grassland Butterfly Index 1991–2024, erschienen 2025 (Butterfly Conservation Europe, VS2025.023; S. 12: „data from all 27 Member States of the European Union“). Abgerufen am 26. August 2026; die Reihe wurde zuletzt am 10. März 2026 aktualisiert und endet bei 2024. Lizenz: Eurostat-Nutzungsbedingungen — Eurostat ist als Quelle zu nennen; Datenhalter sind die genannten Organisationen, aus deren Monitoring der Index gerechnet wird. Änderungen an den Daten sind kenntlich zu machen.
Nächste Aktualisierung: Wann ein neues Berichtsjahr erscheint, ist nicht belegt — der Stand steht seit März 2026 auf 2024.
Zitieren und einbetten
Biodiversitätsmonitor Österreich (2026): Wiesenfalter in Europa — Grünland-Schmetterlingsindex. biodiversitaet-monitor.at/wiesenfalter/ · Daten: Eurostat sdg_15_61 (Butterfly Conservation Europe / eBMS) · Datenstand 2024
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Häufige Fragen
Wie stark sind die Wiesenfalter in Europa zurückgegangen?
Der Grünland-Schmetterlingsindex (Eurostat) steht 2024 bei 52,65 von 100 — gemessen an 1991. Das sind 47,4 Punkte weniger, also fast die Hälfte. Halbiert ist der Index damit noch nicht: Kein Jahr der geglätteten Reihe liegt bei 50 oder darunter — der ungeglättete Einzelwert 2024 (44,3) schwankt mit dem Wetter und gilt deshalb nicht als Maß. Die Zahl gilt für die Europäische Union insgesamt, nicht für Österreich allein.
Welche Falter werden gezählt?
17 Tagfalterarten des Grünlands, erfasst auf festen Zählstrecken. Gezählt wird ihre Häufigkeit, nicht ihre Artenzahl: Der Index fasst die Bestandstrends dieser 17 Arten zu einem Wert zusammen. Ein Rückgang auf 52,65 heißt deshalb, dass die Häufigkeit derselben Arten im Mittel bei rund der Hälfte des Ausgangswerts liegt — nicht, dass die Hälfte der Arten verschwunden ist. Die Daten kommen aus dem europäischen Schmetterlingsmonitoring und werden aus Erhebungen aller 27 EU-Mitgliedstaaten gerechnet.
Gilt das auch für Österreich?
Das ist nicht bekannt. Eurostat führt für diesen Index genau ein Gebiet, das EU-Aggregat; einen österreichischen Wert gibt es nicht, und er lässt sich auch nicht herausrechnen. Österreich trägt zur europäischen Zahl bei, aber nicht getrennt ausweisbar. Eine nationale Erhebung läuft: Das Projekt Viel-Falter der Universität Innsbruck ist Partner des europäischen Monitorings und erhebt seit 2023 österreichweit. Für einen Verlauf ab 1991 ist diese Reihe zu kurz. Wer eine österreichische Zahl zum Rückgang von Wiesenfaltern nennt, sollte prüfen, woher sie stammt — häufig ist es diese europäische.
Warum ist die Linie geglättet?
Weil Falterzahlen stark vom Wetter eines einzelnen Jahres abhängen. Die ungeglättete Reihe schwankt zweistellig, mit Ausschlägen von bis zu knapp vierzig Punkten binnen eines Jahres. Als Kurve erzählt sie Wetter statt Bestand. Die geglättete Reihe zeigt die Richtung über drei Jahrzehnte. Der Preis dafür: Jeder einzelne Jahreswert ist ein Rechenwert und kein Zählergebnis, und die gleichmäßige Form der Kurve stammt zum Teil aus dem Rechenverfahren. Einzelne Jahre daraus als Zählergebnis zu zitieren, ist nicht zulässig.